Palästina: “Wir erleben jeden Tag, was Besatzung heisst”

Israelis und Palästinenser verhandeln wieder: Was erwarten sich Christen im Heiligen Land davon? Und wie geht es ihnen unter israelischer Besatzung?


“Die jüdischen Siedlungen umschliessen uns von allen Seiten und machen uns Palästinensern hier das Leben sehr schwer”: Louis Hazboun wurde in Bethlehem geboren. Seit vergangenem Jahr ist der freundliche Mann Pfarrer der römisch-katholischen Pfarrei in Bir Zeit, einer kleinen Stadt in der Nähe von Ramallah. Eine Universität gibt es hier. Ansonsten ist nicht viel los. Das von Israel seit 1967 besetzte Westjordanland ist in dieser Gegend ländlich und malerisch: Olivenhaine und kleine Äcker umgeben den stillen Ort, dessen Bevölkerung gemischt muslimisch-christlich ist. Ungefähr 4000 der etwa 7000 Bewohner sind Muslime, der Rest verteilt sich auf Katholiken, Orthodoxe und Anglikaner. Das Zusammenleben der Religionen hat Tradition. Dennoch ist die Idylle wegen der umliegenden jüdischen Siedlungen trügerisch.

“Die Siedler stellen uns immer wieder das Wasser ab oder die Elektrizität, weil sie das selbst benötigen. Das schränkt uns hier sehr ein. Und das in unserem eigenen Land! Wir erleben jeden Tag, was Besatzung heisst.” Pfarrer Hazboun erinnert beim Besuch von KIRCHE IN NOT zudem an die Checkpoints, die die Palästinenser in ihrer Bewegungsfreiheit massiv behindern. Oft entscheiden 18-jährige israelische Soldaten darüber, ob ein 80jähriger Mann passieren darf oder nicht. “Die Willkür ist gross und das Verfahren ist demütigend”, so Pfarrer Hazboun. 

Christen ohne Arbeit

Hinzu kämen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Besatzung. “Israel bestimmt, was eingeführt werden darf. Wenn die Israelis einen Überschuss etwa an Oliven haben, dann fluten sie unsere Märkte und machen unseren Bauern hier die Preise kaputt. Für viele christliche Familien ist die Landwirtschaft aber entscheidend.” Früher, vor Errichtung der Mauer, die Israel von den besetzten Gebieten trennt, hätten viele Christen aus dem Ort im nahen Jerusalem gearbeitet. Kaum 20 Kilometer sind es dorthin. Heute geht das wegen der zeitraubenden Strassenkontrollen und der Einreisebeschränkungen meist nicht mehr. Nur ein paar Christen aus Bir Zeit arbeiten im Lateinischen Patriarchat oder als Ärzte und Lehrer in den christlichen Schulen dort. “So gern wir es täten, aber die Kirche kann nicht alle Christen beschäftigen”, bedauert Pfarrer Hazboun. Viele Christen im Ort seien deshalb arbeitslos – mit gravierenden Folgen: “Wir haben eine ganze Reihe erwachsener Männer, die gerne heiraten und eine Familie gründen würden. Aber sie können es sich einfach nicht leisten. Wer von der Jugend kann, geht deshalb weg.”

Dramatische Abwanderung von Christen

Yusef Daher sieht diesen christlichen Exodus aus dem Heiligen Land mit grosser Sorge. Der Katholik leitet das “Inter-Church-Center” in Jerusalem, eine ökumenische Einrichtung, die sich für die Rechte der Christen im Heiligen Land einsetzt. “Es gibt heute etwa eine Million palästinensischer Christen. Aber nur 20 Prozent leben in dem, was heute Israel ist, und den besetzten Gebieten. Der Rest ist über die Welt verstreut.” Etwa 150 000 Christen davon verteilten sich auf Israel, der Rest, etwa 50 000 sei in Ost-Jerusalem, dem Westjordanland oder dem Gaza-Streifen ansässig. “Die Abwanderung der Christen aus dem Heiligen Land vollzieht sich in Wellen”, sagt Yusef Daher gegenüber KIRCHE IN NOT, “die letzte grosse Welle gab es im Zuge der Zweiten Intifada nach 2000.” Einen Sonderfall sieht der Experte mit Jerusalem gegeben, dessen östliche Hälfte von Israel annektiert wurde, von den Palästinensern aber als Hauptstadt eines künftigen Staates beansprucht wird. Die arabischen Christen hier haben wie die meisten anderen Palästinenser, die seit 1967 unter israelische Oberhoheit leben, keine israelische Staatsbürgerschaft, sondern nur eine Aufenthaltserlaubnis. Und die verlieren sie, wenn sie sich länger nicht in Jerusalem aufhalten sondern etwa bei Verwandten im Westjordanland. “Hier findet eine Art von forcierter Auswanderung statt. Die Zahl der Christen in Jerusalem nimmt deshalb dramatisch ab”, so Yusef Daher. 

Willkürliche Reisebewilligungen

Zu den Bedrängnissen palästinensischer Christen gehört nach Yusef Daher auch die willkürliche israelische Vergabepraxis für Einreisebewilligungen zu den hohen Festen, wenn viele Christen aus den besetzten Gebieten nach Jerusalem pilgern wollten. Nicht jeder erhält sie. Das alles sieht Experte Daher als Ausdruck einer grundsätzlichen Diskriminierung zwischen Juden und Nicht-Juden durch Israel: “Palästinensische Christen leiden wie die anderen Palästinenser. Solange man kein Jude ist, erhält man dieselbe diskriminierende Behandlung.”

Pfarrer Hazboun und seiner Pfarrangehörigen erfahren das täglich. Bezüglich der jetzt wiederaufgenommenen Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern ist er derweil ohne grosse Erwartungen. “Wir Palästinenser hoffen natürlich, dass die Friedensgespräche zwischen uns und den Israelis endlich zu einer Zwei-Staaten-Lösung führen. Aber ich bin zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder optimistisch noch pessimistisch. Gesprochen wurde ja schon oft, ohne dass es zu etwas geführt hätte. Aber eines weiss ich sicher: Auf Dauer kann man einem freien Volk den eigenen Staat nicht vorenthalten.”

KIRCHE IN NOT unterstützte Projekte in Palästina im Jahr 2012 mit rund CHF 120 000.

Fotos:  

  1. Die katholische Pfarrkirche in Bir Zeit (Bild: KIRCHE IN NOT)
  2. Pater Louis Hazboun, katholischer Pfarrer in Bir Zeit
  3. Blick auf die israelische Mauer bei Bethlehm (Bild: KIRCHE IN NOT)

Spenden für das Projekt:

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