Christen im Irak: Quo Vadis?

„Der IS hat versucht, das Kloster einzunehmen. Wir waren uns im August 2014 sicher, dass ihnen das gelingen würde“ erklärt Erzbischof Timotheus Musa al Schamani, Abt des syrisch-orthodoxen Klosters des heiligen Matti, gegründet im 4. Jahrhundert, eines der ältesten der Welt. Die Mönche flohen, nach dem ersten Schrecken kehrten sie aber schnell zurück. Hunderte christliche Flüchtlinge lebten monatelang mit ihnen – ein paar Kilometer Luftlinie von ihren schlimmsten Feinden entfernt.
Besuch von Pater Paulus Sati, Irak, in der Schweiz (4./5.8.2018)
Video: Wiederaufbau im Irak

Kirche in Not ACN Irak

„Der IS hat es nie geschafft, unser Kloster zu erobern. Gott war mit uns.“ Tatsächlich kann man am Fusse des Berges noch die Schützengräben sehen, die die Kämpfer des IS ausgehoben haben. Hier standen sich die Schergen und die Peschmerga, die Kämpfer der autonomen Kurdengebiete, über zwei Jahre gegenüber. Immer wieder schossen die IS-Kämpfer Mörser in Richtung des Klosters. Bei trübem Wetter versuchten sie regelmässig, es einzunehmen. Bombardements der US-geführten Koalition verhinderten dies. Seit Ende 2016 wurde Ort für Ort vom IS zurückerobert. Die Ninive-Ebene ist also frei. Das Kloster ist ausser Gefahr. Doch wie geht es seinen Gläubigen?

Schöne Worte sind nicht genug
Bischof Musas Miene verfinstert sich. „Bevor der IS 2014 kam lebten in meiner Diözese über 5 000 christliche Familien. Heute sind es bestenfalls 2 300. Der Rest hat das Land verlassen.“ Musa vermutet einen Plan dahinter, Christen aus dem Nahen Osten zu vertreiben. „Das hat 1975 im Libanon angefangen, dann ging es im Irak, in Ägypten, in Syrien weiter.“ Genauer will er auf Nachfrage nicht werden. Angesprochen auf die Ankündigungen von US-Vizepräsident Mike Pence vom vergangenen Herbst, US-Hilfe künftig direkt und ohne den Umweg über die UNO den verfolgten Minderheiten des Irak zukommen zu lassen, winkt Musa ab. „Wir brauchen keine Worte. Ich weiss nicht, mit wie vielen westlichen Botschaftern und Politikern ich schon gesprochen habe. Wir Christen des Irak brauchen Taten.“
Der Gottesmann wirkt erschöpft, als er von seinen Treffen mit der irakischen Provinzregierung und Polizei berichtet. Sie empfingen ihn, so Musa, mit grosser Freundlichkeit und hörten sich die Sorgen seiner Gemeinschaft an. Doch ausser einer Tasse Kaffee sei nichts dabei herausgekommen. „Frieden, Sicherheit, Jobs: Ohne diese Dinge wird niemand bleiben. Ich kann es keinem Familienvater verdenken, wenn er für sich und seine Familie eine bessere Zukunft im Ausland sucht. Zwar raten wir niemandem zur Auswanderung, aber wir halten auch niemanden davon ab. Das ist eine persönliche Entscheidung.“ Ein Verschwinden seiner syrisch-orthodoxen Gemeinschaft hält Musa ohne weiteres für möglich. „Im Tur Abdin im Südosten der heutigen Türkei hatten wir einst eine blühende Heimat. Heute ist da niemand mehr ausser ein paar leeren Kirchen. Das kann uns hier genauso passieren.“ Das nächste Problem sieht er schon kommen. „Fahren Sie nach Bartella und fragen Sie nach den Schabak.“

Christen unter Druck – auch heute
Mit dem Jeep geht es die Serpentinenstrasse hinunter zurück in die Ebene. Schafsherden grasen links und rechts der Strasse das trockene Land ab. In diesem Jahr sorgt eine heftige Dürre dafür, dass ihr Futter noch kärglicher ist als sonst. Vorbei an den kurdischen Posten geht es hinein in den von der Zentralregierung in Bagdad kontrollierten Irak. 20, 30 Kilometer führen durch das ethnische Mosaik des Nordirak. Turkmenen, Christen, sunnitische Araber und Jesiden leben hier. Und die Schabak. Auf bis zu 400 000 Menschen wurde diese ethnische Gruppe vor 2014 geschätzt. Ganz überwiegend leben sie in der Ninive-Ebene. Die Dörfer der meist schiitischen Schabak sind erkennbar ärmlicher und heruntergekommener als etwa die christlichen. Auch die Schabak hatten massiv unter dem Hass des IS zu leiden. Schiiten, die Rafidin, die Abtrünnigen, standen in der Skala der Verachtung noch tiefer als die Christen. Doch anders als die Christen haben die Schiiten mächtige Freunde. Nicht nur im von schiitischen Politikern dominierten Bagdad. Von Plakatwänden winkt Ajatollah Khamenei, der oberste Führer des Iran. Sein Arm reicht bis hierher. Der iranische Botschafter war auch schon zu Besuch. Auf uns könnt ihr zählen, soll das heissen.
„Die Schabak wollen unser Land“, meint Abuna Jakob knapp. „Das ist das nächste Problem.“ Der syrisch-orthodoxe Dorfpfarrer von Bartella ist ein Neffe Bischof Musas. Das Problem davor, das war der IS. „Ich war der Letzte, der im August 2014 ging, und der Erste, der wieder kam.“ Tränen, so erinnert sich der Dorfgeistliche, seien ihm gekommen, als er erstmals wieder die Glocken läutete. Abuna Jakob führt durch seine frisch renovierte Pfarrkirche. Sie strahlt weiss und golden. Einzig eine verkohlte Kapelle im Seitenschiff erinnert an die Dschihadisten. „Die hat der IS geschändet. Das lassen wir als Zeichen der Mahnung.“ Seit Oktober 2016 ist der Ort vom IS befreit. Nun also das Problem mit den Schabak. Gab es 1980 nur zwei Schabak-Familien im Dorf, sind es heute weit über 20%. Tendenz steigend. Ursache für den demografischen Mikrokonflikt ist die hohe Geburtenrate der Schabak – und die Tatsache, dass viele Christen mehr denn je bereit sind, zu billigen Preisen ihr Land zu verkaufen. Die Kirche versucht ihre Gläubigen davon abzubringen. Aber wer alle seine Ersparnisse während der Flucht aufgebraucht hat, schon im Ausland lebt oder nach Australien emigrieren will, hat oft keine andere Wahl. Heimatliebe muss man sich leisten können. „Ich werde mein Land niemals an die Schabak verkaufen“, meint Ibrahim entschlossen. Der 63-jährige Bauer trägt die bodenlange Galabaia, das traditionelle Gewand der Männer. Sein imposanter Schnauz wie sein Haupthaar schimmern in makellosem Schwarz. Offensichtlich wurde der Natur ein wenig nachgeholfen. Auf dem Land seiner Familie baut er Getreide, Kichererbsen und Sonnenblumen an. Sieben Kinder hat er – von denen kein einziges mehr im Irak lebt. „Sie sind in der Türkei und in Europa. Ich sage ihnen immer, dass sie zurückkommen sollen, aber sie wollen nicht, weil es hier keine Jobs und keine Sicherheit gibt.“ Ibrahim macht sich deswegen keine Illusionen. „In zwanzig Jahren gibt es hier keine Christen mehr.“ Dabei macht der Ort derzeit einen ganz anderen Eindruck. An allen Ecken und Enden wird gebaut und gehämmert, werden die Schäden behoben, die der IS hinterlassen hat. Abends wird im Dorfrestaurant arabische Musik so laut gesungen, dass jedes Gespräch dagegen ankämpfen muss, dampfen Kebab und Hähnchen auf dem Grill, versammelt sich die Jugend gutgelaunt. Fast fünftausend Christen sind zurückgekehrt – und mit ihnen das alte Leben. 

Hoffnung dank renovierter Häuser
Geleitet wird all dies vom „Ninivah Reconstruction Committee“ (NRC). Das Hirn des christlichen Wiederaufbaus sitzt im benachbarten Baghdeda, ein paar Kilometer tiefer in die Ninive-Ebene hinein. Karakosch nannten die Osmanen den Ort, Al Hamdaniya sagen die Araber, Baghdeda heisst die Stadt in der aramäischen Sprache der einheimischen Christen. Baghdeda war vor 2014 die grösste christliche Stadt des Irak. Etwa 50 000 Menschen lebten hier. Christenanteil: 97%. Landwirtschaft – Getreideanbau und Geflügelzucht – machten die Bewohner, überwiegend syrisch-katholische Christen, wohlhabend. Das sieht man selbst den arg mitgenommenen Häusern noch an. Durch holprige Strassen geht es zum Sitz des NRC. Ahlan wa sahlan, herzlich willkommen, sagt Abuna Georges Jahola und winkt in sein Büro. Der syrisch-katholische Priester zeigt Karten, Tabellen, Luftaufnahmen seines Ortes. Er ist Stadtpfarrer und Bürgermeister in einem. „Wir bauen unsere Heimat wieder auf. Wir haben nur sie. Christen leben in Bagdad, Basra und Kirkuk. Aber nur diese Gegend können sie wirklich Heimat nennen. Verlieren wir sie, verlieren wir mehr als nur Land und Häuser: Wir verlieren unsere Identität.“ Unterstützt wird der Priester von einem Team von Ingenieuren und jungen Leuten, die sich um die Registrierung der Hausbesitzer kümmern, die um Hilfe bitten. „Über 7 000 Häuser gibt es in unserem Ort. Wir haben sie in drei Gruppen eingeteilt: Leicht beschädigte, schwer beschädigte und zerstörte.“ Nicht alle Häuser wurden vom IS zerstört oder beschädigt. Viele kamen bei der Rückeroberung zu Schaden. Andere verwahrlosten in den Jahren des Leerstands. Geplündert wurden sie vom IS und den umliegenden muslimischen Dörfern fast alle. Um Kosten zu sparen und den Menschen Arbeit zu geben, müssen die Hausbesitzer selber Hand anlegen. Ausserdem müssen sie ein Drittel der Kosten tragen wenn möglich. Und nur der wird unterstützt, der tatsächlich in seinem Haus wohnt. „Wir haben mittlerweile wieder viele Menschen, die aus dem Libanon und der Türkei zurückkommen“, ist Abuna Georges froh. „Anfangs haben unsere Leute gesagt: Erst Sicherheit, dann Rückkehr. Ich habe ihnen dann geantwortet: Je mehr ihr hier wieder seid, desto besser könnt ihr euch gegenseitig schützen.“ Abuna Georges weiss, dass Häuser allein angesichts fehlender Sicherheit und Jobs die christliche Präsenz nicht auf Dauer sichern können. „Aber ohne Häuser wäre schon jetzt keiner mehr hier.“

Zwischen Zweifel und Zuversicht
Möglich ist der Wiederaufbau nur, weil christliche Organisationen – allen voran «Kirche in Not» – mit Millionenspenden helfen. Der irakische Staat existiert hier nämlich nur auf Flaggen und Pässen. „Die Regierung hat kein Geld oder andere Prioritäten. Es lässt sich auch niemand hier blicken. Ohne die Hilfe unserer Mitchristen im Westen wären wir verloren“, sagt Abuna Georges dankbar. Aimery de Vérac freut das zu hören. Er ist der Verbindungsmann von «Kirche in Not». Der Franzose lebt seit einigen Jahren deswegen im Irak. „Es macht ungeheuer glücklich, den Menschen zu helfen. Sie lieben ihre Heimat. Wir setzen dabei auf maximale Transparenz. Für jeden ausgegebenen Dollar können wir Rechenschaft geben.“ Mittlerweile, so der Franzose, seien in der Ninive-Ebene über 8 700 Familien zurückgekehrt und über 4 300 Häuser wieder bewohnbar gemacht. Ist ein Haus fertig, überreicht «Kirche in Not» jedem Hauseigentümer einen Olivenbaum. Die biblische Pflanze soll Hoffnung und Zukunft symbolisieren.
Auch Rabah hat ein Bäumchen erhalten. Die Mittfünfzigerin hat drei Kinder. Gebürtig kommen Rabah und ihr Mann aus Mossul. Von dort flohen sie 2006 nach Baghdeda, nachdem Sohn und Neffe von Islamisten bedroht worden waren. Der Neffe wurde entführt, der Sohn konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen. Doch 2014 kamen die Islamisten mit dem IS auch nach Baghdeda. Die Familie floh erneut. Seit Juli 2017 lebt sie nach Jahren des Flüchtlingsdaseins in der benachbarten autonomen Region Kurdistan wieder in ihrem Haus. „Unseren Wagen, unser Gold: Wir hatten ausgegeben, was wir hatten. Wäre Baghdeda nicht befreit worden: Ich weiss nicht, wie es mit uns hätte weitergehen sollen“, sagt Rabah. Zum Glück waren die Schäden an ihrem Haus nur leichte. Mittlerweile sieht man ihm nichts mehr an. Und doch sitzen die Wunden tief. „Mein Mann und ich werden im Irak bleiben, so Gott will. Auch unsere Kinder wollen das. Aber sie haben keine Arbeit. Und ich habe Angst, dass uns dasselbe nochmal passieren kann, dass der IS zurückkommt.“

Seit 2011 bis zum Juni 2018, hat «Kirche in Not» über CHF 45 Millionen für pastorale Projekte und Nothilfe im Irak bereitgestellt. Allein im Jahr 2017 unterstützte «Kirche in Not» Projekte für CHF 10,5 Millionen. «Kirche in Not» ist die Hilfsorganisation, die sich in der Ninive-Ebene am stärksten engagiert.

Fotos:

1) Msgr. Timothaeus Mosa Alshamany (Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche im Irak) «Kirche in Not» (Bild: «Kirche in Not»)

2) Karakosch: Ein vom IS zerstörtes Haus wird renoviert (Bild: «Kirche in Not»)

3) Karakosch: Rabah mit einem Olivenbäumchen – Symbol der Hoffnung (Bild: «Kirche in Not»)

4) Pfarrer Georges Jahola zeigt den durch den IS zerstörten Turm der Kirche Mar Behnam in Karakosch (Bild: «Kirche in Not»)

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