Der Papst in Peru: Streben nach Einheit und Kampf gegen das Elend

Im Rahmen seiner Südamerikareise wird Papst Franziskus von 18. bis 20. Januar Peru besuchen. Wie in vielen Ländern des Subkontinents sind auch dort die prekären Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung und die Verelendung in den Vororten der Städte, Ausbeutung der Umweltressourcen, aber auch die Inkulturation des katholischen Glaubens sowie die Auseinandersetzung mit Sekten wichtige Themen. Im Interview mit Amélie Berthelin-de la Hougue spricht der Lateinamerikareferent des weltweiten päpstlichen Hilfswerks „Kirche in Not“, Marco Mencaglia, über die aktuelle Situation und die Rolle der katholischen Kirche, zu der 80% der Peruaner gehören. Film mit dem peruanischen Bischof Kay Schmalhausen

Kirche in Not ACN Peru

Amélie Berthelin de la Hougue: In welcher Verfassung findet Papst Franziskus die Kirche Perus bei seinem Besuch vor?

Marco Mencaglia: Der Glaube ist in Peru tief verankert. Die volkstümliche Religiosität ist ein Schatz. Die Kirche ist vielerorts der einzige Anwalt und Anlaufstelle der überwiegend armen Bevölkerung. Um die Verhältnisse der Kirche in Peru zu beschreiben, muss man die grosse geografische Vielfalt des Landes berücksichtigen. Riesige Städte einerseits, gigantische Waldgebiete mit indigener Bevölkerung andererseits, schaffen unterschiedliche pastorale Herausforderungen.

Worin bestehen diese Herausforderungen?

Die wichtigste ist wohl, Einheit zu schaffen. Das heißt auch, die Kirche Perus noch stärker in der Gesellschaft zu verwurzeln. Denn noch haben nicht überall die einheimischen Kleriker die volle Verantwortung. Gut die Hälfte der peruanischen Bischöfe kommt aus dem Ausland. Es gibt positive Erfahrungen der Evangelisierung in schwierigem Umfeld. Aber es bleiben zwei weitere Herausforderungen: Die Berufungspastoral verstärken und den Glauben vertiefen.

In welchem Bereich engagiert sich die katholische Kirche derzeit am stärksten?

Eine Priorität liegt auf der Seelsorge für die Menschen in den Vororten der Grossstädte. Hunderttausende Peruaner verlassen jedes Jahr die Bergregionen und ziehen in die Städte. Die Vororte dehnen sich immer weiter aus. Die Kirche Kämpft gegen Armut und Verelendung.

Sie setzt sich auch dafür ein, dass die Zuwanderer zu einer Gemeinschaft werden. Denn die Leute kommen ja aus verschiedenen Regionen und haben aufgrund der Arbeitssituation wenig Zeit, sich kennenzulernen. Das schafft dann wieder neue Probleme.

Und was tut die Kirche für die Menschen in den Bergregionen?

In den entlegensten Dörfern, auf 4000 Metern Höhe oder im Amazonasgebiet, ist die Kirche oft die einzige Institution, die die Bewohner zu Gesicht bekommen. Diese Menschen zu erreichen ist von grundlegender Bedeutung. Eine Pfarrei betreut bis zu fünfzig entlegene Außenstellen. Der Besuch eines Priesters oder einer Ordensschwester ist dort ein echtes Ereignis!

Wie in vielen anderen Ländern Lateinamerikas verzeichnen Sekten und evangelikale Bewegungen ein grosses Wachstum. Papst Franziskus hat mehrmals darauf hingewiesen. Eine „Konkurrenz“ für die Kirche?

Bei meinen Reisen nach Lateinamerika hatte ich immer den Eindruck, dass das Gefühl der Zugehörigkeit zur katholischen Kirche sehr stark ist. Besonders in den ländlichen Gebieten konnte ich feststellen, dass gerade die volkstümlichen Frömmigkeitsformen wie Heiligenverehrung, religiöse Feste, Rosenkranz und Andachten den Glauben lebendig halten, obwohl die offizielle Präsenz der Kirche nur schwach ausgeprägt ist. Gleichzeitig haben die evangelikalen Sekten mit teilweise abstrusen Heilsversprechungen Fortschritte gemacht – vor allem in den Vororten der Städte. Dort ist das schwindelerregende Bevölkerungswachstum der Grund, warum die Kirche nicht mehr alle Menschen erreichen kann. Das ist eine große Zukunftsaufgabe: Die Familien wieder ansprechen, die den Kontakt zur Kirche verloren haben.

Dazu braucht die Kirche natürlich Personal …

Das stimmt. Wenn in Europa als Optimum gilt, die Zahl der Priester und pastoralen Mitarbeiter in etwa auf dem gleichen Stand zu halten, dann reicht das in Lateinamerika nicht aus. Ein simpler Zahlenvergleich zeigt, warum: In Peru ist die Bevölkerung in den letzten 50 Jahren um 170% gewachsen, in den 28 Mitgliedsländern der EU waren es im selben Zeitraum unter 20%. Darum unterstützt «Kirche in Not» zum Beispiel aktuell die Ausbildung von 650 peruanischen Priesteramtskandidaten in zwanzig Seminaren, die Ausbildung und den Unterhalt von Ordensschwestern und Katecheten.

Peru hat in den vergangenen Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Das Land war mehrmals Spitzenreiter in der Region, was die Wachstumsraten angeht. Hat sich dadurch auch die Situation der Einwohner gebessert?

Das Wachstum verläuft in den Regionen des Landes keineswegs gleich. Wie schon angesprochen, sind die ländlichen Regionen weitgehend abgehängt. Immer mehr Menschen gehen von dort weg. Städte wie Lima und Arequipa wachsen unaufhörlich. Es gibt viele Familien, in denen Eltern ihre Kinder tagelang allein zu Hause lassen, um weit entfernt zu arbeiten. Diese traurige Realität führt zu einem Wachstum von Banden, Drogenhandel und Kriminalität. In Peru ist der Aufschwung von der Lebenswirklichkeit entkoppelt. Da gibt es kaum Verbesserungen. Und hier muss die Kirche natürlich einen wichtigen Beitrag leisten.

«Kirche in Not» unterstützte Projekte in Peru im Jahr 2016 im Umfang von CHF 1,4 Mio.

Fotos: Marco Mencaglia, Lateinamerikareferent von „Kirche in Not“ international und Impressionen aus Peru (Bilder: «Kirche in Not»)

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