Irak: Das Dorf Bartella lebt nach dem IS wieder auf - die ersten Christen kehren nach Hause zurück

«Kirche in Not» ACN („Aid to the Church in Need“) und das Ninive-Wiederaufbaukomitee schliessen die Wiederherstellung der ersten 17 Häuser in dem christlichen Dorf Bartella in der Ninive-Ebene ab. Die Familien, die wieder daheim sind, sagen: „Hier ist unser Leben, unsere Geschichte. Hier wollen wir leben“.
Video: Der irakische Christ Mark Matti Ishaq Zora spricht

Kirche in Not ACN

01.08.2017 – In den Dörfern der Ninive-Ebene, die zwischen 2014 und 2015 vom IS besetzt und geplündert worden waren, ersetzt der Geruch frischer Farbe endlich den Verbrennungsgestank. In Bartella, dem ersten irakischen Dorf in der Ninive-Ebene das aus den Händen des IS befreit wurde, sind die ersten sechs heldenhaften christlichen orthodoxen Familien nach dem dreijährigen Exil in der Autonomen Region Kurdistan in ihre soeben wiederhergestellten Häuser zurückgekehrt.

Wiederaufbau läuft
Vor der Besetzung durch den IS, die am 6. August 2014 begann und mit der Befreiung am 20. Oktober 2016 endete, lebten in Bartella 3 400 Familien. Zwei Jahre des Raubes und der Zerstörung durch den IS haben ihre Spuren hinterlassen. Gut 94 Wohnhäuser von orthodoxen und syrisch-katholischen Familien sind vollständig zerstört worden (bombardiert oder in die Luft gesprengt), 364 sind Opfer der Flammen geworden und 1 372 sind zumindest leicht beschädigt worden. Das NRC (Ninive-Wiederaufbau-Komitee), das von Pater Andrzej Halemba dem Nahostreferenten von «Kirche in Not» koordiniert wird, hat schon 17 Wohnhäuser wiederhergestellt, und weitere 150 warten, nach den Kostenschätzungen der Ingenieure, auf die Finanzierung, damit die Arbeiten aufgenommen werden können. „In Bartella wird das Wassernetz langsam wieder in Betrieb genommen“, erklärt der junge Ingenieur Noor Sabah Dana, der Verantwortliche für den Wiederaufbau der Häuser beim NRC. „Das Wasser reicht nicht für den Bedarf aller, und manchmal fällt es ganz aus. Es gibt einen städtischen Wasserspeicher, der auch anderen Dörfern dient und der in wöchentlichem Turnus aufgefüllt wird. Auch der elektrische Strom kehrt langsam zurück. Wir leiden unter Stromausfällen, vor allem, wenn die Leitung für die Reparatur unterbrochen wird.
Auch die Stadtverwaltung versucht, ihren Teil zu erledigen: Ein Bagger bringt die Strass wieder in Ordnung, eine Gruppe Strassenkehrer sammelt die Abfälle von den Strassen ein.

Täglich aus Erbil
Es sind kleine Wunder in einem Dorf, das überall die tiefen Narben der dschihadistischen Besetzung zeigt. Trotz aller Schwierigkeiten bekunden viele christliche Familien, die in diesen Jahren als Binnenflüchtlinge in Erbil gelebt haben, den Willen, in die Ninive-Ebene und zu einem normalen Leben zurückzukehren. „Mindestens zweihundert Familien kommen jeden Tag von Erbil nach Bartella, um ihre Häuser zu reinigen und sie wieder bewohnbar zu machen“, fährt Noor Sabah Dana fort. Dies ist der Grund, warum vor den Häusern so viele Müllsäcke liegen. „Die Familien kommen her, säubern ihre Wohnung und räumen sie aus, dann rufen sie uns vom Komitee an und bitten um eine Begutachtung ihres Hauses und eine Einschätzung der Schäden. Dann kann mit der Instandsetzung begonnen werden.“
„Wir sind nach allem, was passiert ist, in dieses Haus zurückgekehrt und haben die Kirche in Bartella um Hilfe gebeten“, erklärt Mark Matti Ishaq Zora, der Sohn von Matti, einem ortsansässigen Landwirt, dem das Haus gehört. „Ein Expertenteam ist hergekommen und hat alles Notwendige begutachtet: den Anstrich, die Elektroinstallationen, die Türen und Fenster, die Wasserleitungen. Dies ist unsere Stadt, unser Leben, unsere Geschichte. Zudem leben wir in Kurdistan unter schlechten wirtschaftlichen Bedingungen. Nahrungsmittel und Mieten sind teuer. Daher möchte ich allen Familien aus Bartella sagen, dass sie hierher zurückkehren sollen. Es gibt Wasser und Strom, und die Kirche hilft uns. Wir danken «Kirche in Not» dafür, dass es uns dabei geholfen hat, unser Haus instand zu setzen. Es ist wirklich schön, hier wieder zu leben.”

Zurück zu den Wurzeln
Einige Häuserblöcke weiter ist in den Worten eines anderen Hausbesitzers, Nohe Ishaq Sliman, zu erkennen, dass er genauso bewegt darüber ist, wieder mit Hoffnung in die Zukunft schauen zu können. „Wir kehren alle nach Bartella zurück, denn dies ist unsere Stadt, hier lebe ich seit meiner Kindheit“, erklärt Nohe Ishaq Sliman, während ein Anstreicher hinter ihm eine Wand seines Hauses streicht. „Ich habe das Wasser des Flusses Dijla getrunken und arbeite hier als Landwirt. Ich habe dieses Haus selbst gebaut. Wie kann ich weggehen? Ich danke «Kirche in Not» dafür, dass es zur Wiederherstellung meines Hauses beigetragen hat. Ich konnte nicht mehr für 600 – 700 US-$ monatlich zur Miete wohnen und dieses Haus leerstehen lassen. Wie könnte ich nicht zurückkehren? Dies ist meine Stadt, ich will zurückkehren und hier leben.“

Die Herausforderungen, vor denen die Christen in der Ninive-Ebene stehen, sind immens. Zurzeit leben in Erbil noch 14 000 registrierte aus Mossul und der Ninive-Ebene geflüchtete Familien (ca. 90 000 Personen). Fast 13 000 Häuser müssen wiederaufgebaut werden, es besteht die Frage der Sicherheit in den Dörfern, es gibt in dem Gebiet irakisch-kurdische politische Manöver, Probleme mit der Infrastruktur (Wasser, Strom, Schulen, Krankenhäuser) und sehr wichtig auch die Übergangsperiode zwischen dem Ende der monatlichen Mietkosten- und Nahrungsmittelhilfen und dem Umzug dieser Familien in die wiederhergestellten Dörfer. Den jüngsten Umfragen des Ninive-Wiederaufbauausschusses (NRC) nach, aktualisiert am 14. Juli 2017, sind bereits 1228 Familien in die Ninive-Ebene zurückgekehrt und 423 Häuser schon instandgesetzt, von denen 157 mit Finanzbeiträgen von «Kirche in Not»  wiederhergestellt wurden.

Seit Beginn der Krise hilft «Kirche in Not» den christlichen Flüchtlingen im Norden des Irak. Bisher wurden insgesamt CHF 35 Mio. für Soforthilfe - einschliesslich Nahrungsmittel, Bildung, Wohnraum - pastorale Hilfe und Wiederaufbau bereitgestellt.

Fotos: Fotos aus Bartella, Ninive-Ebene, Irak (Bild:«Kirche in Not»)

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