Mali: „Damit der Frieden einkehrt, müssen wir in der eigenen Familie beginnen.“

Laut „Bericht über Religionsfreiheit in der Welt“, veröffentlicht vom internationalen Hilfswerk «Kirche in Not» (ACN), stürzte Mali im März 2012 nach einem Militärputsch ins Chaos. Als islamistische Dschihadisten und Rebellengruppen das gesamte Land zu überrollen drohten, griff Frankreich, das bis 1960 Kolonialmacht war, militärisch ein. 2015 unterzeichnete die malische Regierung in Bamako mit einem Teil der bewaffneten Rebellengruppen einen Friedensvertrag. Während der Süden als vergleichsweise sicher gilt, bleibt die Lage im Norden angespannt. 

Kirche in Not ACN

«Kirche in Not»: Wie haben die Christen in Mali die Nachricht von der Ernennung des neuen Kardinals aufgenommen?
Bischof Jonas Dembélé: Die Ernennung wurde in Mali am 21. Mai bekanntgegeben und von der malischen Bevölkerung mit Freude und Begeisterung aufgenommen. Und nicht nur von den Christen! Auch die Muslime haben ihrer Freude Ausdruck gegeben. Ein Regierungsvertreter gratulierte dem Kardinal telefonisch zu seiner Ernennung. Wir Christen in Mali sind dem Papst dankbar für diese Würdigung unserer Kirche, die, auch wenn sie in der Minderheit ist, doch in Mali Gehör findet.

Wie stabil schätzen Sie die Lage in Mali nach den jüngsten Anschlägen in Bamako und Timbuktu ein?
Der Frieden in Mali ist nach wie unsicher, aber die Ereignisse, die das Land erschüttern, traten erst 2011 auf und haben keinen Einfluss auf den Alltag der Menschen. Es hat einzelne Angriffe geben, aber das lähmt nicht das tägliche Leben. In meiner Diözese Kayes im Westen Malis führen wir ein normales Leben, und die Priester werden nicht bedroht. Muslime und Christen stehen dort nach wie vor im Dialog. Wie auch im Rest des Landes. Ausnahmen gelten für Kidal, Gao und Timbuktu, wo die Priester nicht mehr frei hingehen können. Davon abgesehen können wir unsere Missionsarbeit überall sonst im Land wie gewohnt fortführen. 

In Mopti können die Christen also nicht frei nach ihrem Glauben leben?
Nein, in Mopti war das Leben bereits 2013 kompliziert für die Christen und heute greifen die Islamisten sogar Muslime an. In Gao dagegen gelingt es den Gläubigen, Gottesdienste abzuhalten. Allerdings ohne Priester, da diesen der Zugang zur Stadt verwehrt wird. In zwei oder drei Grenzortschaften zu Burkina Faso wurden schon christliche Gemeinden daran gehindert, sich zum Gottesdienst zu versammeln, indem man sie davon abgehalten hat, die Kirchenglocken zu läuten und indem man sie zur Schliessung der Kirche gezwungen hat. 

Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen der Kirche und der malischen Regierung?
Die Kirche unterhält nach wie vor gute Beziehungen zur Regierung. Sie hat sich sehr in Schulen, im Gesundheitswesen und für eine nachhaltige Entwicklung engagiert. Dies wurde positiv von der Bevölkerung aufgenommen, da unser Engagement ohne Ausnahme der gesamten Bevölkerung in Mali gilt. Auch hat die Regierung immer schon die Zusammenarbeit mit der Kirche und der Bischofskonferenz gesucht. 

Mali ist eine laizistische Republik. Gewisse Gruppen streben aber dennoch offensichtlich die Gründung eines islamischen Staats an.
Das stimmt. Es wird immer deutlicher darauf hingewiesen, dass die Muslime in Mali in der Mehrheit sind. Und da wir in einer Demokratie leben, wollen einige dies auch ausnutzen, nach dem Motto, wir sind in der Mehrheit, und warum sollten wir ein laizistischer Staat bleiben, wenn doch 95 % der malischen Bevölkerung Muslime sind? Aber Mali hat sich bereits vor langer Zeit zur Trennung von Religion und Staat entschlossen. Diese Entscheidung kam nicht von den Christen oder den Anhängern der traditionellen Religionen. Obgleich sie Muslime sind, wissen selbst die malischen Intellektuellen, dass in der heutigen Welt der Laizismus ein friedlicheres Zusammenleben fördert. Aber die Politiker geraten leider manchmal in die Versuchung, sich zu sehr nach den Interessen gewisser Gruppen zu richten, auf deren Wahlstimmen sie angewiesen sind. Das ist keine einfache Situation.

Ist das Verhältnis der Kirche zu den Muslimen in Mali traditionell gut?
Mali war ein Beispiel für einen gut funktionierenden Dialog zwischen Christen und Muslimen in ganz Westafrika. Aber es handelte sich um die eher tolerante Form des malischen Islam. Das dauert zwar an, doch seit 2008 beobachten wir eine allmähliche Arabisierung des Islam, was die Situation insgesamt erschwert. In der Regel trifft man in den Dörfern in ein und derselben Familie sowohl Christen, Muslime als auch Anhänger der traditionellen Religionen an. Leider beobachten wir heute die Zunahme bestimmter intoleranter Gruppen.

Wie beurteilen Sie die Zukunft Malis? Wie lässt sich der Frieden schaffen?Es gibt Anlass zur Hoffnung. Wir versuchen, die Menschen für die Tatsache zu sensibilisieren, dass wir, wenn wir Frieden schaffen wollen, damit zunächst in der eigenen Familie anfangen müssen. Dann erst können wir unsere Bemühungen in unseren Vierteln, unseren Dörfern und in unserer Region fortführen, bevor sich der Frieden auf das gesamte Land ausbreiten kann. Wir fordern auch die Politiker auf, sich vor allem auf das Wohl Malis zu konzentrieren und das Gemeinwohl über individuelle Interessen von Gruppen zu stellen, die keine friedlichen Absichten verfolgen. Es gibt Einzelpersonen guten Willens, die sich mit Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft und der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS (Economic Community of West African States) bereits in dieser Richtung engagieren. Zeichen der Besserung sind also vorhanden, auch wenn das Ende der Krise nicht für das Jahresende zu erwarten ist.

Die Kirche von Mali hat am 21.Mai die Erhebung von Erzbischof Jean Zerbo in den Kardinalsstand gefeiert. Kardinal Zerbo, dessen Ernennung offiziell am 28. Juni stattfand, ist damit der erste Kardinal aus Mali. Der Bischof der Diözese Kayes, Jonas Dembélé, erzählte bei einem Besuch des internationalen Hilfswerkes «Kirche in Not» (ACN) im deutschen Königstein über die Lage der Christen im Land. Dabei gab er seinem Wunsch nach Frieden Ausdruck, der in Mali trotz leichter Besserungen nach wie vor unsicher ist. «Kirche in Not» (ACN) hat 2016 Projekte in Mali in Höhe von CHF 250‘000 unterstützt.

Fotos: Jonas Dembélé, Bischof der Diözese Kayes, Mali und Impressionen aus dem Land (Bild: «Kirche in Not»)

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