Syrien: "Sanktionen treffen die Falschen"

Syrisch-katholischer Patriarch fordert Aufhebung der Handelsbeschränkungen


Das Oberhaupt der syrisch-katholischen Kirche, Patriarch Ignatius III. Joseph Younan, spricht sich für ein baldiges Ende der EU-Sanktionen gegen Syrien aus. „Unter den Sanktionen leiden nicht hochrangige Politiker, sondern die Opfer des Krieges, tausende Waisen und Witwen. Sie treffen die Falschen“, sagte Younan vor Vertretern europäischer Nichtregierungsorganisationen in Brüssel. Zu der Begegnung hatten die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft und das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ eingeladen.

Der Patriarch führte aus, dass die Sanktionen nahezu jeden Bereich des öffentlichen Lebens beträfen und einen wirtschaftlichen Neuanfang massiv erschwerten. Viele Betriebe seien geplündert worden, eine Produktion deshalb unmöglich. Da eine Finanzierung des Wiederaufbaus durch die Sanktionen verhindert werde, könnten auch keine Arbeitsplätze entstehen. So bleibe die Armut hoch. „Wir sind vollkommen auf die Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. Gäbe es Hilfswerke wie ,Kirche in Not‛ nicht, wäre unsere Existenz in Frage gestellt.“

Zu Beginn des Syrienkriegs im Jahr 2011 hatte die EU weitreichende Sanktionen gegen die syrische Regierung verhängt. Sie umfassen neben Einreiseverboten auch weitreichende Handelsbeschränkungen, die Einfrierung von Wertanlagen und strenge Einschränkungen der Finanzgeschäfte europäischer Banken in Syrien. Auch die USA haben ähnliche Restriktionen erlassen. Die Sanktionen der EU wurden im Mai 2017 um ein weiteres Jahr verlängert. Ein UN-Bericht hatte dagegen kurz vorher die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung kritisiert.

Vor allem die kleine Minderheit der syrischen Christen sei seit langem Opfer der politischen wie religiösen Auseinandersetzungen, erklärte Younan. „Weil wir keine territorialen Ansprüche erheben und keine eigenen Sicherheitskräfte haben, meint jeder, wir seien mit allem einverstanden und man könne uns überrennen.“ Dabei seien die Christen loyale Staatsbürger. „Wir dienen dem Land, in dem wir geboren sind. Wir gehören genauso zur syrischen Gesellschaft wie alle anderen.“ Es gehe darum, den Christen Syriens Gehör zu verschaffen. Der Patriarch rief die Vertreter der Hilfswerke deshalb dazu auf, dem syrischen Volk dabei zu helfen, sich von „Bevormundung, Günstlingswirtschaft und Profitmacherei“ zu befreien, sagte Younan. „Treten Sie bei Ihren Politikern und in den Medien für uns ein.“

Seit Kriegsausbruch in Syrien hat „Kirche in Not“ über 16 Millionen Euro für die christliche Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Neben Lebensmittelhilfen, Kleidungs- und Medikamentenspenden finanziert das Hilfswerk auch Mietbeihilfen, Stipendien und Ausbildungsprogramme sowie Projekte zur Stromversorgung. Auch dem Wiederaufbau zerstörter Kirchengebäude und die Unterstützung der Seelsorge für die traumatisierte Bevölkerung gilt ein besonderes Augenmerk. Um das Überleben und die pastorale Betreuung der christlichen Minderheit in Syrien weiterhin gewährleisten zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden.

Syrien: "Sanktionen treffen die Falschen"_5300