Äthiopien: "Wir ermutigen nicht zur Migration"

Kardinal Berhaneyesus Demerew Souraphiel, der Vorsitzende der Äthiopischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Addis Abeba, hat vor kurzem das internationale Hilfswerk Kirche in Not (ACN) in Königstein besucht, um sich für die Unterstützung der Päpstlichen Stiftung bei der pastoral Arbeit im Land zu bedanken. Benedikt Winkler von der Wochenzeitung “Die Tagespost” nutzte die Gelegenheit, um mit ihm über die aktuelle politische Lage in Äthiopien, die Beziehung zu dem Islam und die große Arbeit der katholischen Minderheit im Land zu sprechen.


Eminenz, der Friedensvertrag zwischen Äthiopien und Eritrea wurde kürzlich am 16. September in Dschiddah in Saudi Arabien unterzeichnet. Wie bewerten Sie den Einfluss von Saudi Arabien auf Äthiopien?

Der Frieden wurde geschlossen in Saudi Arabien, nicht in New York oder in Peking. Ich weiß nicht warum. Saudi Arabien ist ein Land mit einem immensen Einfluss in der Region um das Rote Meer. Saudi Arabien ist wahrscheinlich auch interessiert am Frieden in den Gebieten um das Rote Meer und am Indischen Ozean. Das mag der einzige Grund sein, aber ich weiß nicht, ob noch andere Interessen im Spiel sind.

Sehen Sie den jungen Frieden in Äthiopien mehr durch religiöse oder ethnische Konflikte bedroht?

Ich würde sagen, im Moment mehr durch ethnische Konflikte, weil das föderale Regierungssystem in Äthiopien auf ethnischer Herkunft basiert. Das brachte mehr Diversität, mehr Spannungen und ein größeres Gewicht auf die ethnischen Differenzen als auf die Einheit aller Menschen in Äthiopien. Deswegen gibt es ethnische Konflikte in verschiedenen Regionen von Äthiopien. Ich hoffe, dass der neue Premierminister Dr. Abiy Ahmed das Land einen wird und der Einheit mehr Priorität gibt als der Diversität.

Sie haben ihn erwähnt, Äthiopiens neuer Premierminister ist Abiy Ahmed. Sein Vater ist Muslim, er selbst ist aber zum Protestantismus konvertiert. Er gehört der ethnischen Gruppe der Oromo an. Ist Ahmed der richtige Mann, die ethnischen Konflikte zu heilen?

Ich denke schon, weil er von der Koalitionspartei ausgesucht worden ist. Er ist ein Mann der Einheit. Aber wahrscheinlich sind einige Vertreter der ehemaligen Regierung nicht glücklich mit der Art und Weise, wie er sein neues Mandat ausführt. Er hat einige in der Opposition. In den letzten sechs Monaten hat er gezeigt, dass die Menschen zusammenkommen sollen, einander vergeben, sich aussöhnen und die Konflikte lösen. Was ihn an meisten bewegt ist die Liebe zu seinem Land. Ob er die richtige Person ist oder nicht, werden wir sehen. Er hat Frieden geschlossen mit Eritrea. Wenn dieses Land gute demokratische Institutionen für eine stabile Regierung bekommt, dann kann es in Zukunft Stabilität nicht nur am Horn von Afrika, sondern in ganz Ostafrika gewährleisten.

Wie würden Sie das Verhältnis beschreiben zwischen Christen und Muslimen in Äthiopien?

Die Beziehung zwischen Islam und Christentum ist bisher friedlich gewesen. Der Prophet Mohammed hat den Islam in Mekka begründet. Er wurde von seinem eigenen Stamm verfolgt. Er musste fliehen. Er sandte seine Verwandten nach Äthiopien. Die Muslime kamen als Flüchtlinge nach Äthiopien. In muslimischer Tradition steht geschrieben: „Berühre nicht Äthiopien, weil Äthiopien immer freundlich zu uns war, als wir Flüchtlinge waren“. Wir führen eine friedliche Koexistenz, vorrangig mit den Sunniten in Äthiopien. Es gibt nicht viele Fundamentalisten in Äthiopien. Fundamentalisten wie Al-Shabaab mag es in Somalia geben, die mit Al Qaida in Verbindung stehen. Innerhalb von Äthiopien haben wir eine friedliche Koexistenz zwischen Christen und Muslimen.

Äthiopien ist im Vergleich mit vielen europäischen Ländern eine Nation mit sehr vielen jungen Menschen. Viele von ihnen suchen in Europa, in Südafrika und in Saudi Arabien nach besseren Jobperspektiven. Was tut die Kirche in Äthiopien, die katholische Minderheit und die orthodoxe Mehrheit, dass junge Menschen ihr Heimatland voranbringen anstatt auszuwandern?

Die katholische Kirche ist in Äthiopien mit weniger als zwei Prozent eine Kirche der Minderheit. Sie betreibt viele Einrichtungen für die Jugend, seien es Bildungs-, Sozial- oder Gesundheitseinrichtungen, in den ländlichen als auch in den städtischen Gebieten. Wir haben mehr als 400 Schulen in Äthiopien, die im ganzen Land verteilt sind. Die meisten Schulen in den Städten können sich selbst unterhalten, aber Schulen im ländlichen Raum brauchen Unterstützung. Wir bemühen uns um die Jugend verschiedener ethnischer oder religiöser Gruppen, Orthodoxe, Muslime, Protestanten. Als katholische Kirche in Äthiopien finden wir es wichtig, jungen Menschen nach ihren Fähigkeiten Ausbildungsmöglichkeiten zu verschaffen. Wir bilden junge Frauen als Krankenschwestern, Köchinnen und Hotelmanagerinnen aus. Dabei ermutigen wir sie in ihrem Land zu bleiben und zu arbeiten. Dafür benötigen wir Infrastruktur und die Möglichkeit der Schaffung von Arbeitsplätzen. Wir ermutigen nicht zur Migration, erst recht nicht zur illegalen Migration ohne Dokumente, denn damit werden sie zum Spielball von illegal operierenden Schlepperbanden, die über das Rote Meer nach Saudi Arabien oder über Libyen nach Europa kommen. Um das zu vermeiden ermutigen wir nur zur legalen Migration - wenn notwendig. Wir fühlen, dass die jungen Menschen ihr Land lieben, aber es sollte ihnen die Möglichkeiten gegeben werden, im Land zu bleiben.

Am 28. Oktober ist der Weltmissionssonntag. Man denkt immer erst an die Erstvangelisierung, aber was muss getan werden für die Neu-Evangelisierung in Europa?

Äthiopien hat der Welt eine Menge zu geben. Wir sind dankbar zu hören, dass Europa viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Äthiopien hat auch fast eine Million Flüchtlinge aus dem Südsudan, Somalia und Eritrea aufgenommen. Warum? Weil Äthiopien christliche Werte hat. Äthiopien war eine christliche Nation seit der Zeit der Apostel. Wir fühlen, dass Gastfreundschaft ein Teil des christlichen Erbes von Äthiopien ist. Christliche Werte sind sehr wichtig. Ein älterer Mensch, ein Flüchtling, ein Migrant ist zuallererst ein Mensch. Er mag von Gott geschickt worden sein. Er mag ein Segen sein. Heiße ihn willkommen, behandle ihn gut. Das ist biblisch. Äthiopien hat das Jahrhunderte lang getan. Wir haben Juden aufgenommen bevor sie später nach Israel gegangen sind, ebenso Araber. Wir haben Armenier aufgenommen, die in der Türkei verfolgt wurden. Äthiopien war immer ein gastfreundliches Land treu zum Evangelium.

Ich denke, Europa sollte auch versuchen, gläubig zu seinem christlichen Erbe zu stehen. Der Westen sollte sich nicht dafür schämen, ein christliches Land mit großen Werten zu sein - in Krisenzeiten und auch nicht jetzt in guten Zeiten. Äthiopien hat gezeigt, dass der Religion der richtige Platz in der Gesellschaft gegeben werden sollte. Wir hoffen, dass wir diese Botschaft vermitteln können.

ACN hat zahlreiche Projekte in Äthiopien. Im Jahr 2017 waren es mehr als 80 Projekte für beinahe 1,4 Millionen Euro.

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