„Die tägliche Suche nach Lebensmittel ist in Venezuela zu einem Kreuzweg geworden“

Laut UNHCR (dem Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge) und anderen internationalen Organisationen haben in den letzten Jahren mehr als zwei Millionen Menschen Venezuela verlassen. Diese erzwungene Flucht spiegelt die schwere wirtschaftliche, politische und soziale Krise wider, in der sich das Land befindet. Die Kirche in Venezuela stellt sich dieser Situation zusammen mit den Menschen, indem sie Sozialprojekte ins Leben ruft, die den Mangel an Lebens- und Arzneimitteln lindern. Aber auch ihre eigene Lage ist alles andere als günstig – den Bischöfen und Priestern selbst mangelt es zurzeit an allem. Bischof Oswaldo Azuaje von Trujillo, das im Osten Venezuelas gelegen ist, hat auf die Fragen der Päpstlichen Stiftung Aid to the Church in Need geantwortet. Das Hilfswerk unterstützt die venezolanische Kirche in ihrer Seelsorge- und Sozialarbeit. Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen der kürzlich stattgefundene Ad Limina-Besuch des venezolanischen Episkopats beim Papst in Rom sowie die kirchliche Arbeit zugunsten derer die das Land verlassen, und der vielen Bedürftigen, die bleiben.


Das Bistum Trujillo in Venezuela ist eine der ärmsten Gegenden des Landes. Wie ist die jetzige Lage dort?

Trujillo ist einer der wirtschaftlich ärmsten Bezirke des Landes. Es liegt in den Anden, in einer vorwiegend ländlichen Bergregion. Aber ich möchte die Region nicht als arm bezeichnen, weil sie einen großen menschlichen und kulturellen Reichtum besitzt. Das tägliche Leben sieht ähnlich aus wie im ganzen Land. Wir leiden unter dem Mangel an Lebens- und Arzneimitteln, viele Menschen sind in ein anderes Land weggezogen, die Wirtschaft liegt darnieder. Es kann sein, dass sich im Vergleich mit der Hauptstadt oder mit anderen größeren Städten im Land der Lebensmittelmangel in den Dörfern eher bemerkbar macht.

Was für eine Botschaft hat Papst Franziskus beim Ad Limina-Besuch im Vatikan den Bischöfen und dem venezolanischen Volk mitgegeben?

Der Papst zeigte eine große Nähe. Wir haben das Glück, dass er von demselben Kontinent stammt und dass wir dieselbe Sprache sprechen. Franziskus nahm mitten unter uns Platz. Wir bildeten einen Kreis um ihn herum, und er sagte: „Erzählt, wie es Euch geht“. Wir haben feststellen können, dass er die Kirche in Venezuela sehr gut kennt, das Leben im Land und die Schwierigkeiten für die Gesellschaft. Er unterstrich, dass wir den Menschen sehr nah sein, dass wir auf ihre Bedürfnisse Antworten finden sollen. Er erinnerte uns daran: „Bleibt stark und den Menschen nah. Ich weiß schon, dass Ihr es tut, aber ich lade Euch dazu ein, weiterzumachen.“ Außerdem lud er uns ein, Widerstand zu leisten. Ich hatte nie vorher diesen Begriff in diesem Zusammenhang gehört. Denn er hat nichts mit Politik, Populismus oder mit einer militärischen Sprache zu tun. Wir sollen Widerstand leisten, indem wir im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe fest bleiben.

Wie begleitet die Kirche die Menschen, die das Land verlassen?

Ich konnte die Grenze mit Kolumbien im Staat Táchira besuchen. Dort leisten die Diözesen San Cristóbal auf venezolanischer und Cúcuta auf kolumbianischer Seite eine großangelegte Arbeit. Ich habe mich unter die Menschen gemischt, die nach Kolumbien die Grenze überschreiten. Es ist beeindruckend: Jeden Tag fliehen Tausende Menschen. Die Kirche beköstigt jeden Tag zwischen 5.000 und 8.000 Menschen, wobei diese geschätzten Zahlen allein die von der Kirche Betreuten wiedergeben. Zwar kehren auch einige zurück. Aber es sind nicht viele. Es handelt sich um diejenigen, die aufgrund des Mangels in Venezuela etwas suchen, was nur in Kolumbien zu finden ist. Nachdem sie es besorgt haben, kehren sie nach Hause zurück. Die Kirche betreut außerdem in Peru, Ecuador und Brasilien Venezolaner, die ihr Land verlassen haben.

Was für Folgen hat diese Flucht?

In den Pfarreien macht sich die Abwesenheit von jungen und Menschen in mittleren Jahren bemerkbar. Es kommen immer häufiger ältere Menschen mit ihren kleinen Enkelkindern. Die Eltern sind auf der Suche nach Arbeit weggegangen. Mehrere Pfarrer haben mir erzählt, dass sie keinen Kirchenchor mehr haben, weil die jungen Menschen weggegangen sind. Sie müssen nun Chormitglieder finden, die singen oder Instrumente spielen, und sie einarbeiten. Es handelt sich um eine erzwungene Flucht wegen des großen Lebensmittel- und Medikamentenmangels. Die Menschen brauchen sie. Sie finden sie aber nicht im Land noch können sie sie wegen der Geldabwertung kaufen.

Wie antwortet die Kirche auf die Bedürfnisse der Menschen, die im Land bleiben?

Um auf den Mangel an Lebensmitteln zu reagieren, werden in den Pfarreien jeden Tag sogenannte „Gemeinschaftseintöpfe“ gekocht, damit die Bedürftigen etwas zu essen haben. Mangelernährung tritt bei Kindern, aber auch bei älteren Menschen auf. Vor ein paar Tagen rief mich meine Schwester an. Sie betreut meine Mutter, und wollte mir sagen, dass sie weder Huhn noch Eier oder Fleisch findet. Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Denn in keinem Laden konnte sie einkaufen. Die Menschen brauchen sehr lange, um den Einkauf zu erledigen – wenn sie es denn schaffen. Die tägliche Suche nach Lebensmittel ist zu einem Kreuzweg geworden.

Wie schätzen Sie die Hilfe ein, die ACN den Priestern in Ihrer Diözese zukommen lässt?

Zunächst einmal möchte ich mich beim venezolanischen Volk, bei all denen bedanken, die mit uns das Wenige, was sie haben, geteilt haben und weiterhin teilen. In letzter Zeit sind wir aber auf Hilfe von außerhalb angewiesen. Ohne sie wäre das Leben unmöglich. Ich bedanke mich bei der Kirche in Europa, insbesondere in Deutschland, Italien und Spanien. Sie unterstützen uns, damit wir unseren Priestern helfen können: Dank Messstipendien können sie ein menschenwürdiges Leben führen. Aber diese Hilfe hält uns auch im Gebet verbunden, damit wir die Hoffnung nicht verlieren. Ich bitte Gott um heiligmäßige Priester, aber auch darum, dass diese Priester über einen würdigen Lebensunterhalt verfügen, damit sie dem Volk Gottes dienen und ihrer Berufung besser entsprechen können.

Eine letzte Botschaft an die Wohltäter von ACN

Dank Euch allen werden unsere Gemeinden nicht in ihrer Aufgabe nachlassen, zu trösten und inmitten soviel Dunkel in Venezuela Licht zu sein. Der Mangel an Lebens- und Arzneimitteln, an Wasser und Strom erzeugt viel Stress, gegen den wir kämpfen sollen. Ich bitte um Gebete für die Bischöfe, damit wir nicht in die Versuchung fallen, das Handtuch zu werfen. Unsere Aufgabe besteht darin, durch die Priester den Menschen zu helfen. Bitte helfen Sie uns weiter, damit wir für einen würdigen Lebensunterhalt der Priester sorgen und dadurch weiter die Gemeinschaftseintöpfe sowie die Verteilung von Medikamenten und restlichen Hilfen sicherstellen können.

 

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