Kuba: "Fenster öffnen, wo Türen zugeschlagen werden"

Auch wenn Kuba nicht mehr die Schlagzeilen dominiert: Es polarisiert bis heute. Für die einen Urlaubsziel und Versuchsland einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, für die anderen Land grosser sozialer Verwerfungen und gewalttätiger Unterdrückung.
Nach dem Ende der Castro-Ära im Frühjahr 2018 sahen viele Beobachter die Chance auf Wandel gekommen. Einen Wandel, den der kubanische Priester Rolando Montes de Oca (37) nicht entdecken kann. Er stammt aus Camagüey, etwa 500km südöstlich der Hauptstadt Havanna. Derzeit hält er sich zum Studium in Rom auf – und verfolgt die Entwicklungen in seiner Heimat mit Sorge. Tobias Lehner vom katholischen Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)» Deutschland sprach mit Pater Montes über Kuba. 


Tobias Lehner: Pater Rolando, seit April 2018 ist die Castro-Ära auf Kuba vorbei: Auf Fidel und Raul Castro folgte Miguel Diaz-Canel als neuer Präsident. Wie geht es den Menschen unter der neuen Regierung?
Rolando Montes de Oca: Die Situation hat sich kaum verändert. Auch der neue Präsident betont immer wieder, er wolle den Revolutionsprozess fortsetzen, den Fidel Castro begonnen hat. Das heißt: Der Sozialismus bleibt Staatsdoktrin. In seiner ersten Rede nach der Wahl hat Diaz-Canel sogar versichert, dass die wichtigsten Entscheidungen immer noch Raul Castro treffen wird.

Die neue Staatsführung hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen eine neue Verfassung auf den Weg gebracht. Neben marktwirtschaftlichen Öffnungen sollen darin auch die bürgerlichen Rechte gestärkt werden. Wie steht es in der neuen Verfassung um die Religionsfreiheit?
Die kubanische Regierung will ein demokratisches Image verbreiten. Sie will Kuba als ein Land präsentieren, in dem jeder Bürger volle Freiheit genießen kann. Auch in der alten Verfassung gab es bereits einen Artikel, wonach der kubanische Staat „die Religionsfreiheit anerkennt, respektiert und gewährleistet“. Das wurde zumindest behauptet. Jetzt sind diese Aussagen unverändert erhalten geblieben. Es gab und gibt Kultfreiheit. Das heisst: Die Menschen können sich in den Kirchen versammeln, um Gottesdienst zu feiern. Aber Kultfreiheit ist nicht gleich Religionsfreiheit.

Was meinen Sie damit?
Kubanische Familien können zum Beispiel nicht frei über die Erziehung ihrer Kinder entscheiden. Sie sind verpflichtet, sie im Kindergarten und in der Schule nach der marxistischen und atheistischen Ideologie erziehen zu lassen. Die neue Verfassung sagt das auch ganz klar: Ziel des Staates ist, die sozialistische Ideologie und Moral zu verbreiten. Organisationen, die sich für Errichtung und Verteidigung der sozialistischen Gesellschaft einsetzen, stehen unter besonderem staatlichen Schutz.

Was bedeutet das für die Kirche?
Es ist nach wie vor kaum möglich, neue Kirchen zu bauen. Vor kurzem wurden einige Kirchen geweiht – nach über 60 Jahren Verhandlungen und Verzögerungen. Der Kirche auf Kuba wird kein Platz in den Medien eingeräumt. Abgesehen von den Papstbesuchen auf Kuba und einigen wenigen Minuten pro Jahr, in denen die Bischöfe über das Lokalradio kurze Botschaften senden können, ist die Kirche von den Medien ausgeschlossen. In Pfarreien werden häufig pastorale Aktivitäten oder Veranstaltungen verboten – den Grund versteht keiner und niemand weiß, wer dafür verantwortlich ist. Das ist für die Pfarrgemeinden Alltag. Es gibt durchaus Bemühungen von Seiten der kommunistischen Partei, bessere Beziehungen zur katholischen Kirche aufzubauen. Aber der Preis dafür wäre, dass wir zu den riesigen sozialen Problemen im Land schweigen. Und das können wir nicht!

Das scheint den Spielraum der Kirche jenseits der Liturgie sehr stark einzuschränken …
Die Kirche auf Kuba hat mittlerweile gelernt, Fenster zu öffnen, wo Türen zu geschlagen werden. Wir geben nicht auf. Weil es keinen Zugang zu staatlichen Medien gibt, veröffentlichen viele Bistümer eigene Zeitschriften. Diese beschäftigen sich neben Glaubensthemen auch mit Alltagsfragen der Kubaner.
Weil kirchliche Mitarbeiter nicht in den staatlichen Schulen unterrichten dürfen, betreibt die Kirche viele Bildungszentren. Dort werden neben Fachwissen – zum Beispiel bei der beruflichen Weiterbildung – auch christliche Werte vermittelt. Weil wir keine Kirchen bauen dürfen, öffnen viele Privatpersonen ihre Häuser für die heilige Messe oder den Religionsunterricht. Unsere grösste Aufgabe und gleichzeitig unsere größte Sorge ist die Vermittlerrolle der Kirche im nationalen Versöhnungsprozess.

Worum geht es bei diesem Prozess?
Die kubanische Bevölkerung ist gespalten, politisch wie gesellschaftlich. Die Kirche versucht, alle aufzunehmen und allen Raum zu geben. Leider haben sich bislang weder die Regierung noch die radikale Opposition offen für den Dialog gezeigt. Und so wird von allen Seiten die Kirche beschuldigt: Dass sie sich von der Opposition instrumentalisieren lasse. Dass sie linke Ideologien übernehme. Dass sie die Interessen der USA verteidige. Die Kirche auf Kuba wird vielfach missverstanden. Wir wollen ein Kuba mit allen und für alle bauen!

Was braucht die Kirche auf Kuba für diese Aufgabe und was können Organisationen wie «Kirche in Not (ACN)» dazu beitragen?
Die Probleme der Kirche auf Kuba sind die Probleme aller Kubaner – in erster Linie der Mangel an finanziellen Mitteln. «Kirche in Not (ACN)» hat immer sehr viel getan, um unsere pastorale Arbeit zu unterstützen: von der Priesterausbildung über die kirchliche Medienarbeit und der Renovierung von baufälligen oder durch Unwetter zerstörten Kirchen, bis hin zur Schulung von Katecheten und der Verbreitung von Bibeln und Katechismen. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind überall im Land zu spüren: Menschen bekehren sich, die christlichen Werte werden verbreitet. Durch die Hilfe von «Kirche in Not (ACN)» handelt die unsichtbare Hand Gottes an uns!

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